Das Wandern entscheidend vorangebracht und geprägt

Mehr als 130 Jahre Erfolgsgeschichte durch ehrenamtliche Arbeit

Der Sauerländische Gebirgsverein – kurzum der SGV – gilt als erster Fremdenverkehrsverein des Sauerlandes.
Zusammen mit seinen Abteilungen hat er die Entwicklung des Wanderns fortlaufend immer wieder entscheidend
geprägt. Ohne den SGV und die wichtige Arbeit der Mitglieder wäre das Wandern und der Tourismus nicht das,
was es heute ist. Ein Rückblick auf eine mehr als 130-jährige Erfolgsgeschichte.

Text von Susanne Schulten

Die ersten Menschen, die das Wandern zum Zweck des Naturgenusses betrieben haben, waren nicht Einheimische, sondern wohlhabende Menschen aus Städten, in denen Ende des 19. Jahrhunderts die industrielle Entwicklung boomte. Es waren Menschen, die Freizeit hatten und sich das Reisen leisten konnten. Die grüne Landschaft und die saubere Luft machten damals schon die Berge zu einem Sehnsuchtsort. Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts entstanden überall in Deutschland Wander- und Touristenvereine, die es sich zur Aufgabe machten, die Schönheit ihrer jeweiligen Region bekannt zu machen und dafür zu werben, sie zu Fuß zu erleben, so auch im Sauerland. 1890 starteten Forstrat Ernst Ehmsen und Oberlehrer Karl Féaux de Lacroix aus Arnsberg einen Aufruf zur Bildung eines „Sauerländischen Touristen-Vereins“ an die Landräte und Bürgermeister im Großraum Sauerland. Die erste Sektion soll in Medebach gegründet worden sein. Danach folgten Arnsberg und Attendorn.

Grundstein für
den Wandertourismus

Zu den Gründungsmitgliedern zählten der Arnsberger Regierungspräsident Wilhelm Winzer, der Erste Staatsanwalt aus Arnsberg, Spengler, der Unternehmer und Geheime Kommerzienrat Wilhelm Bergenthal aus Warstein, Landrat Hans Carl Federath aus Brilon und Fabrikant Otto Schütte aus Schmallenberg-Oberkirchen. Die Namen zeugen von der Bedeutung der Bewegung und den Hoffnungen der Initiatoren auf die wirtschaftlichen Auswirkungen des sich zaghaft entwickelnden Tourismus für abgelegene, damals sehr arme Regionen. Denn wachsender Wohlstand in den Städten, die zunehmende Anerkennung des Urlaubsanspruches und das dichter werdende Schienennetz begünstigten das Reisen in Erholungsgebiete. Forstrat Ehmsen nutzte geschickt seine Dienstreisen, um für Gründungen zu werben. In vielen Orten im Sauerland und darüber hinaus gewann er wichtige Autoritäten und Multiplikatoren wie Pastoren, Lehrer, Apotheker und Ortsvorsteher. Überzeugt werden mussten zudem Gastwirte, die Verpflegung bereitstellen und Übernachtungsmöglichkeiten schaffen und dafür sorgen sollten, dass die neuen Gäste sich wohlfühlten. Damit legte der SGV den Grundstein für einen funktionierenden Wandertourismus in der Region.

Gut vernetzt: Mitglieder
erzählen von ihren Reisen

Die Entwicklung war rasant. Die erste Generalversammlung trat am 19. Juli 1891 zusammen, mit bereits 54 offiziellen
Abteilungen. Abteilungen entstanden sogar weit außerhalb der Sauerlands, wie in Berlin oder Warschau. Wandertipps, Orientierungshilfen, Wetter, Bilder – was heute digital und über die Sozialen Medien innerhalb kürzester Zeit in alle Welt verbreitet ist, bedurfte damals großer Anstrengungen. Für einen funktionierenden Wandertourismus waren gut vernetzte Vereine und Abteilungen unerlässlich. Die Mitglieder machten mit begeisterten Berichten von ihren Touren die Region und das Wandern bekannt. Sie organisierten Fahrten und vermittelten wichtige Informationen. Das Heft „Tourist“, das Organ des Verbands Deutscher Gebirgs- und Wandervereine, informierte über die schönsten Wanderdestinationen. 1893 veröffentlichte der SGV mit dem „Sauerländischen Gebirgsboten“ ein eigenes Organ, das neben Vereinsinterna auch Beschreibungen der schönsten Wanderausflüge enthielt.

Damals schon: Markieren
und Kartografieren

Wesentliche Aufgaben des SGV waren und sind das Entwerfen und Markieren der Wanderwege sowie das Erfassen und Kartografieren der Wegverläufe. 1899 gab es die erste Sauerlandkarte mit einer Übersicht der Wanderwege. Sehr nützlich für die Mitglieder: Auf der Rückseite befanden sich Fahrpläne der Eisenbahnen und Postkutschen. Die Landschaft von einem erhöhten Punkt aus zu betrachten und zu genießen, ist eine besondere Belohnung einer Tour. Den Blick übers Land schweifen zu lassen und dieses zu genießen, liegt im Wesen von Menschen tief verwurzelt. Die besondere Bedeutung von Aussichtspunkten erkannte der SGV früh und förderte die Errichtung zahlreicher Aussichtstürme auf den Sauerländer Höhen. Bereits 1894 waren von den 25 Aussichtstürmen im Sauerland 24 im Besitz des SGV. Viele dieser Orte sind noch heute beliebte Ausflugsziele.

Eisenbahn brachte mehr
und mehr Touristen

Der Ausbau der Oberen Ruhrtalbahn schuf eine besonders wichtige Voraussetzung für die Entwicklung des Tourismus. Die Eisenbahn erleichterte es den Reisenden aus den Städten, in die abgelegene Region zu gelangen. Der Bau der Bahnhöfe in Arnsberg (1870), Meschede (1871) über Bestwig und Nuttlar (1872) bis nach Warburg waren Meilensteine. So warb um 1900 beispielsweise eine Anzeige für die „Sommerfrische“ im Nuttlarer Gasthof „Mutter Pine“. Im oberen Sauerland wollten die Orte an der Entwicklung teilhaben und kämpften um den Bahnanschluss bis nach Winterberg (1906).

Heime und Hütten
als beliebte Treffpunkte

Lebendiger Treffpunkt gleichgesinnter Natur- und Wanderfreunde waren früher die Gebirgsfeste, die Vorläufer des Deutschen Wandertags. 1891 trafen sich die Wanderfreunde erstmals in Arnsberg. Danach an wechselnden Orten, bald auch außerhalb der Gebirgsregion. Immer wieder holte der SGV den Deutschen Wandertag, Europas größtes Wanderfest, in die Region: 1951 und 2001 in Iserlohn, 1956 in Aachen, 1990 in Arnsberg, 2006 in Prüm oder 2019 in Schmallenberg und Winterberg.
Um Natur zu erleben und Landschaften kennenzulernen, legten die Wanderer gern lange Strecken zurück. Viele Abteilungen richteten Wanderheime ein und boten den Mitgliedern Unterkunft auf ihren Touren. Wanderhütten dienten als Treffpunkt für ein lebendiges Vereinsleben. Der zunehmende Individualverkehr seit den 1960er-Jahren veränderte nicht nur die Art des Reisens und die des Wanderns. Wer ein Auto besaß, war nicht mehr auf die Bahn angewiesen, machte häufiger Ausflüge als lange Reisen – und musste bei seiner Wanderung zum Ausgangspunkt zurück. Das machten die damals neuen Autofahrerrundwanderwege möglich. Die anfangs gern und viel genutzten Wanderheime traten in den Hintergrund. Immer mehr Schutzhütten wurden an beliebten Wanderwegen errichtet.

Schutz der Natur gewinnt
zunehmend an Bedeutung

Die Vereinbarkeit von touristischer Nutzung und Naturschutz war von Anfang an ein wichtiges Thema für den SGV. In seinen Vereinsorganen veröffentlichte er seit 1903 Beiträge, um auf das richtige Verhalten beim Wandern aufmerksam zu machen. Das Bewusstsein für den Wert der Natur führte dazu, dass bereits 1911 Waldflächen erworben und unter Schutz gestellt wurden. Viele Abteilungen betätigten sich schon früh mit Baumpflanzaktionen, dem Bau von Nistkästen, Winterfütterungen für das Wild oder veranstalteten Informationstage für Kinder und Jugendliche. Später gehörten auch Müllsammel-Aktionen dazu.

Entwicklung des
„Neuen Wanderns“

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war im gesamten Vereinsgebiet ein dichtmaschiges Wanderwegenetz entstanden. Schließlich hatte die Region viel zu bieten, daran sollten die Touristen teilhaben. Doch die zuverlässige Pflege nahm einen immer größeren Aufwand an. Der in den 90er-Jahren einsetzende Mitgliederschwund erschwerte die umfangreiche Pflege. Zudem setzten steigende touristische Anforderungen und Bedürfnisse neue Maßstäbe in Sachen Erlebnisqualität und Orientierungssicherheit.
Eine Renaissance erlebte das Wandern mit der Eröffnung des Rothaarsteiges 2001. „Der Weg der Sinne“ war der Vorreiter des „Neuen Wanderns“ und veränderte die Art des Wanderns nachhaltig. Ohne die ehrenamtliche Leistung des SGV wäre er nie entstanden.
Eine Qualitätsreform trug dazu bei, das Wandern wieder für mehr Menschen attraktiv zu machen. Auch dazu trug der SGV in entscheidendem Maße bei. 2004 ging die SGV Wanderakademie NRW an den Start. Das Siegel „Qualitätsweg Wanderbares Deutschland“ wurde geschaffen und sorgte für einheitliche Standards und Qualitätssicherung. Gemeinsam mit den touristischen Einrichtungen wurde 2011 das Angebot an Wanderwegen nach der Devise „weniger ist mehr“ reduziert, Orientierungssicherheit und Erlebnisreichtum der vorhandenen Wege deutlich verbessert. So trug der SGV zum Aufschwung des Wanderns bei, der bis heute anhält und dem die Pandemie einen weiteren Auftrieb verschafft hat.

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