Wie steht es um den Wald, Herr Wiebe?

Andreas Wiebe ist seit 2011 Leiter von Wald und Holz NRW.

Der Borkenkäfer und der Klimawandel machen unserem Wald arg zu schaffen. Chefredakteur Dr. Peter Kracht stellte Andreas Wiebe, Leiter von Wald und Holz NRW, drei Fragen zum aktuellen Sachstand – und was die Zukunft bringen wird.


1. Um den Wald vor der Haustür sieht es nicht gut aus. Gibt es noch Hoffnung für den Wald im SGV Land?


Der Wald ist unser stärkstes Ökosystem. Darum wäre es völlig falsch und unangemessen, den Wald verloren zu geben. Weil Bäume lange leben, müssen sie in der Lage sein, in einem gewissen Rahmen auf Veränderungen zu reagieren. Extremwetterereignisse kommen in einem langen Baumleben fast zwangsläufig vor. Aber: Was wir gegenwärtig erleben, ist nicht Extremwetter, sondern die von uns selbst gemachte Klimakrise. Für die Fichte sprengen die Veränderungen offenbar den für sie erträglichen Rahmen. In anderen Bereichen von NRW wird sich das Waldbild schneller und deutlicher verändern als im Sauerland. Die Höhenlagen im SGV Land gehören zu den wenigen Regionen, in denen die Borkenkäfer noch nicht überall verheerende Spuren hinterlassen haben. Der Waldumbau hat schon vor Jahrzehnten begonnen. Im Sauerland erforscht Wald und Holz NRW im Zentrum Wald und Holzwirtschaft, welche Baum- arten und welches Saatgut uns in der Klimakrise helfen.


2. Sind Borkenkäfer und Klimawandel die einzigen Feinde unseres Waldes?


Borkenkäfer waren immer Teil des Ökosystems Wald. Und natürlich ist die Klimakrise nicht der einzige Feind des Waldes. Wo Wohnungsbau, Straßen und Industriegebiete wachsen sollen, ist oft auch Wald in Gefahr. Wo leichtsinnige Waldbesucherinnen und -besucher rauchen oder Feuer machen, ist der Wald in Gefahr. Wo waldbauliche Fehlentscheidungen oder überhöhte Wildbestände ihre Spuren an den jungen Bäumen hinterlassen, ist der (Misch)Wald in Gefahr. Die Liste ließe sich fortsetzen. Allerdings sind all diese Gefahren klein im Vergleich zu den Gefahren der Klimakrise. Jagdmethoden kann man professionalisieren und wunderbares Wildfleisch gewinnen, Feuer machen kann man unterlassen und Bauprojekte kann man waldschonend planen. Das sind alles Gefahren, die wir regional vor Ort in den Griff bekommen können. Die Gefahren der Klimakrise sind global und (wenn überhaupt) nur durch sehr viel grundlegendere gesellschaftliche Veränderungen in den Griff zu bekommen.


3. Wie sieht die Strategie von Wald und Holz aus – und wie der künftige Wald im Sauerland?


Die Strategie für den Wald der Zukunft ist ganz wesentlich im Waldbaukonzept NRW zusammengefasst. Wälder aus mindestens vier Mischbaumarten sollen die bisherigen Reinbestände ersetzen. In erster Linie setzen unsere Forstleute dabei auf die breite Palette heimischer Baumarten. Je nach Standort, Höhenlage, Wasserversorgung und Bodenbeschaffenheit haben unsere Forscherinnen und Forscher Empfehlungen ausgearbeitet, die den Waldbesitzerinnen und Waldbesitzern bei dem anstehenden Umbau der Wälder helfen. Baumarten aus anderen Regionen der Welt, die schon jetzt in einem Klima wachsen, wie wir es in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten erwarten, können die heimischen Baum- arten ergänzen. Beispiele sind Douglasie, Edelkastanie und Baumhasel.


Der Borkenkäfer – Feind der Fichte

Im Sauerland wütet seit drei Jahren der Borkenkäfer. Großflächige Fichtenbestände fallen ihm zum Opfer und sterben ab. Es gibt viele verschiedene Unterarten von Borkenkäfern, manche davon haben sich auf eine bestimmte Baumart spezialisiert. Der „Übeltäter“, der uns im Wald so viel Kummer bereitet, ist im Wesentlichen der Buchdrucker (Ips typographus).
Der Buchdrucker ist ein ca. 4 bis 6 mm großer brauner Käfer, der vor allem ältere Fichten (Picea abies) befällt. Aber auch in Lärchen, Douglasien und Weißtannen ist er schon mal zu finden. Der Buchdrucker ist immer schon in unseren Fichtenwäldern im Sauerland gewesen und kommt, je nach Witterungsverlauf, mal mehr oder weniger vor. Kalte Winter machen ihm gar nichts aus. Entscheidend für seine Vermehrung ist das Wetter im Frühjahr. Haben wir ein nasskaltes Frühjahr, so ist seine Vermehrung stark eingeschränkt. Wichtig sind insbesondere die Temperaturen im April. Ab einem Schwellenwert von ca. 15 Grad Celsius findet die Entwicklung von bis zu 40 Larven pro Weibchen statt. Eine höhere Temperatur beschleunigt die Entwicklung. Innerhalb von sechs Wochen entwickelt sich der Käfer von der Eiablage zum geschlechtsreifen Insekt. Bei anhaltender Wärme entsteht im Juni eine zweite Generation und bei weiterhin hohem Temperaturverlauf kann es im August sogar zu einer dritten Generation kommen. Normalerweise kann die gesunde Fichte durch die Absonderung von Harz den Käfer abwehren. Ist die Fichte aber geschwächt, dann kann der Borkenkäfer sie relativ leicht überwältigen und zum Absterben bringen, denn die Fichte hat eine sehr flache Wurzel, die nicht tief in den Waldboden eindringt. Kommt es nun zu einer sehr langen Trockenheit in der Vegetationsperiode, dann fängt der Baum an zu welken, weil ihm das notwendige Wasser fehlt. Seine Widerstandskraft lässt nach und der Käfer kann sich dann in die Rinde einbohren. Durch das Eindringen sondert der Käfer Duftstoffe ab, die anderen Käfern signalisieren: Hier ist ein attraktiver Baum! Tausende Käfer befallen den Baum und legen ihre Eier unter der Rinde ab. Die Larven und Jungkäfer unterbrechen den lebenswichtigen Saftstrom und der Baum stirbt ab.


Waldhauptstadt Warstein

Warstein ist mit knapp 5.000 ha (mit Privatwald rund 9.000 ha im Stadtgebiet) der zweitgrößte kommunale Waldbesitzer in NRW. Schon seit Anfang der 1990er-Jahre wird auf Kahlschläge verzichtet, viel mit Naturverjüngung gearbeitet, und es werden zukunftsfähige Mischbestände entwickelt.


Der Warsteiner Stadtwald ist seit dem Jahr 2002 PEFC-zertifiziert. PEFC ist die größte Institution zur Sicherstellung nachhaltiger Waldbewirtschaftung durch ein unabhängiges Zertifizierungssystem. Was lag da näher, als sich um den Titel der PEFC-Waldhauptstadt zu bewerben. Zum Neujahrsempfang 2020 in der Schützenhalle Hirschberg wurde dann der Staffelstab in Anwesenheit des PEFC-Vorsitzenden Prof. Dr. A. W. Bitte von der Vorgängerkommune Wernigerode an die Stadt Warstein weitergegeben. Eine Reihe von Aktionen wurden bereits durchgeführt, so die Bürgerwald-Pflanzaktion (mit über 1.150 Bäumen) kurz vor dem Lockdown am 7. März 2020 zwischen Hirschberg und Niederbergheim als größtes Event. Dazu der WDR-Wandertag vom Lörmecketurm ins Bilsteintal, wo auch ein PEFC-Fotopoint errichtet worden war, sowie Wiederaufforstungsmaßnahmen zusammen mit der Warsteiner Bürgerstiftung und das PEFC-Root Camp. Geplant sind im Laufe des Jahres das Aufstellen der PEFC-Klimastämme im Warsteiner Bilsteintal, die PEFC-Mitgliederversammlung und ein kommunaler Holzbautag nach Fertigstellung der neuen Warsteiner Feuerwache in Holz-Hybrid-Bauweise. Die Kernbotschaften der Warsteiner Waldhauptstadt sind die nachhaltige Waldbewirtschaftung und die klimaresiliente Wiederaufforstung von Kalamitätsflächen zur Erhaltung des größten CO2-Killers. Denn eins steht fest: Biodiversität stabilisiert das erhaltenswerte Waldsystem!


Der neue Wald

Der Wald im Sauerland und in Siegen- Wittgenstein ist der visuelle Prägestempel der Region und zugleich ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, CO2- und Wasserspeicher sowie Lebens- und Rückzugsraum für Tiere, von denen es früher noch einige Arten mehr gab.


Doch nicht wegen dieser wichtigen Potenziale, sondern als Mythos Wald ist er zunehmend auch Freizeit- und Erholungsraum für Urlaubsgäste und die einheimische Bevölkerung – zum Zur-Ruhe-kommen und zum Auszittern oder als schwingendes landschaftliches Outdoor-Sportgelände auch zum Kräftigen. Und gerade diese unsere Grundlage als der mit wichtigste Imageträger der Region Südwestfalen leidet durch Umwelteinflüsse wie Trockensommer, Stürme und nicht zuletzt durch die Borkenkäferinvasion enorm. Der Sauerland-Tourismusund der Touristikverband Siegerland-Wittgenstein informieren deshalb im Rahmen einer gemeinsamen Sensibilisierungsmaßnahme „Der neue Wald“ über die aktuelle Situation in den heimischen Wäldern. Und das wird abgestimmt zwischen den Förstern mit dem Landesbetrieb Wald und Holz NRW, dem SGV, den Naturparken und vor allem dem Waldbauernverband. Ziel der auf lange Sicht angelegten Aktion ist es, die unterschiedlichen Facetten der Waldprobleme und der Perspektiven anschaulich darzustellen und Antworten zu den vielen Fragen zu liefern. In kurzen, informativen Videos kommen die Menschen zu Wort, die von den aktuellen Entwicklungen betroffen sind und Aspekte aus ihrer Sicht beleuchten können.


Ist der Wald tot?

„Nein, im Gegenteil: Es gibt hier jede Menge Neues zu entdecken!“ So steht es auf einer Informationstafel an der Achtermannshöhe (925 m) im Nationalpark Harz. Mit 22 Mitgliedern der SGV Abteilung Dortmund-Höchsten war ich Ende August 2020 im Harz unterwegs. Neues Leben aus Ruinen – ja, der Wald lebt davon, konnten wir uns an vielen Stellen überzeugen. Nicht nur zwischen Achtermann und Brocken steht ein Silberwald von riesigen Ausmaßen. Fichtenstämme bis auf Aststummel kahl ohne Rinde und von der Sonne gebleicht oder gefallen – ein schockierendes Bild. Das Konzept des Nationalparks: es bleibt liegen, was fällt, das hält die Feuchtigkeit am Boden und bietet Lebensraum für Tiere aller Art. Der Wald regeneriert sich und das ist unübersehbar. Statt Monokulturen siedeln sich standortgerechte Arten an, das braucht natürlich Zeit. Besonders gut kann man das am Clausthaler-Flutgraben am Hang des Bruchbergs sehen. 15 Jahre brauchte es, bis aus einer abgestorbenen Fichtenmonokultur wieder ein 5-7 m hoher Wald wurde.                      


Corona trifft auf Borkenkäfer

Die seit 2018 auftretende Trockenheit begünstigt eine Massenvermehrung des Buchdruckers, der vor allem die Fichte befällt. Für die Waldbewirtschafter ist es eine logistische Herausforderung und damit ein Wettlauf gegen die Zeit, die vom Buchdrucker befallenen Hölzer aus dem Wald zu schaffen, um so der Massenvermehrung entgegenzuwirken.

Schätzungen gehen davon aus, dass landesweit schon etwa 100.000 Hektar (das entspricht in etwa den Flächen von Dortmund, Schmallenberg, Winterberg, Brilon und Kamen zusammen!) Schadflächen entstanden sind. Die Holzerntearbeiten geschehen derzeit auch ausnahmsweise unabhängig von Schnee, Frost und Regen. Zum Einsatz kommen hauptsächlich Vollernter (Harvester) für die Holzernte und Rückezüge (Forwarder) zur Holzrückung. Anschließend muss das an den Forstwirtschaftswegen gelagerte Holz mit Lastwagen aus dem Wald ins Sägewerk oder auf Zwischenlagerplätze transportiert werden. So mancher Forstwirtschaftsweg wird dadurch überdurchschnittlich in Mitleidenschaft gezogen, darunter auch viele Wirtschaftswege, die zum 43.000 Kilometer langen Wanderwegenetz des SGV gehören. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie drängt es die Menschen – durchaus nachvollziehbar – verstärkt in unsere Wälder. Ein Waldbesuch bedeutet schlicht und ergreifend Freiheit im Gegensatz zu den Einschränkungen der Corona-Pandemie. Die Menschen möchten wieder verschiedene sportliche Aktivitäten ausüben oder einfach nur Spazierengehen oder Wandern. Ein Waldbesuch war schon immer zum Zwecke der Erholung auf eigene Gefahr möglich. Doch treffen nun die Interessen der Waldbewirtschafter und die der Erholungssuchenden verstärkt aufeinander. Dies erfordert gegenseitige Rücksichtnahme. So mancher Wanderweg muss zum Schutz der Erholungssuchenden gesperrt werden. Dies ermöglicht eine für den Waldbesucher gefahrlose und für den Waldbewirtschafter reibungslose Waldarbeit. Ordnungsgemäß als gesperrt gekennzeichnete Forstwege dürfen deshalb nicht betreten werden. Dies gilt auch für Waldflächen, während auf ihnen Holz eingeschlagen bzw. aufgearbeitet wird. Wenn Wege wegen Holzerntearbeiten gesperrt werden müssen, ist man bemüht, dies meist schon an vorgelagerten Wegegabelungen zu tun.


Klimawandel im Privatwald

Der Klimawandel hat den Wald in NRW mit voller Wucht getroffen. Beginnend mit dem Windwurf Friedericke im Januar 2018 und der nachfolgenden Borkenkäferschäden sind bis heute ca. 32 Mio. Festmeter Fichtenschadholz angefallen.


Von den 935.000 Hektar Waldfläche in NRW sind nunmehr über 10 Prozent verloren. Neben der Fichte sind aber auch weitere Baumarten betroffen. So ist bis heute ca. 1 Mio. Festmeter Buchenschadholz angefallen. Der finanzielle Schaden der Forstwirtschaft in NRW liegt bei über 3 Milliarden Euro. Neben dem finanziellen gibt es aber auch einen emotionalen/menschlichen Schaden. Die Waldbesitzenden sind demotiviert und enttäuscht. Die gesellschaftliche Solidarität wird als Einbahnstraße empfunden. Das Ehrenamt von Forstbetriebsgenossenschaften und Wegegemeinschaften ist frustriert und überlastet. Die Schutz- und Erholungsfunktion (Waldwege) wird kostenfrei zur Verfügung gestellt, öffentliche Unterstützung der Schadensbewältigung ist aber nur begrenzt und verkommt im Dschungel der Bürokratie. Die Schuldfrage wird dahingehend gedeutet, dass die Waldbesitzenden Opfer und Täter zugleich sind. Wieso habt ihr auch Fichten gepflanzt? Aber die Kriegs- und Reparationsschäden im Wald sind nach 1945 fachlich und organisatorisch – gesellschaftlich einvernehmlich – bis in die 1970er-Jahre mit Fichten aufgeforstet worden. Seit dieser Zeit setzte ein Umdenken ein. Bis 2100 ist trotz des
„Netto-Null-Ziels“ mit einer Erwärmung von ca. 3 Grad zu rechnen. Entsprechend dynamisch sind die Aufforstungen. Die Erwartung, mit standortheimischen bzw. bodenständischen Laubbaumarten (Buche, Eiche, Ahorn, Esche, Birke, Eberesche etc.) das Ziel klimastabiler Mischwälder bei einer Erwärmung um 3 Grad, verbunden mit Hitzephasen bei konstanten Südwinden, zu erreichen, ist unrealistisch. Wichtig ist in Zukunft die Aufforstung klimadynamischer (resilienter) Mischwälder unter Einbeziehung von Baumarten anderer biogeographischer Regionen (z.B. Douglasie, verschiedene Tannenarten, Roteiche, Baumhasel). Bei all der Mühsal, die der Wald im Moment bereitet, ist es gut, wenn er, gerade in schweren Pandemiezeiten, den Menschen als Erholungsraum dienen kann. Hierbei müssen aber die Regeln eingehalten werden. Ein Waldweg ist juristisch eine Forstbetriebsfläche, sie dient somit dem Forstbetrieb und seiner Bewirtschaftung, deswegen gibt es ihn und deswegen wird er unterhalten. Hinweisschilder für Wegesperrungen bei Waldarbeiten dürfen nicht aus Bequemlichkeit ignoriert werden. Als besonderes Ärgernis haben sich im Wald Biker und speziell E-Biker entwickelt. Eine Klingel gehört zu einem verkehrstauglichen Fahrrad. Ebenso sind Geschwindigkeiten über 25 km/h verboten, da auch im Wald die Straßenverkehrsordnung gilt. Zum Schutz von Mensch und Wild ist gegenseitige Rücksichtnahme und Achtsamkeit wichtig. Der Wald wird sich in Zukunft verändern, aber er wird Wald bleiben, so oder so. Wald ist Eigentumsfläche, Erholungsraum, Lebensraum für schützenswerte Arten, aber insbesondere auch Wirtschaftsraum zur Produktion von Holz und – unsere „grüne Lunge“.